Rangordnung in der Pferdeherde – viel mehr als ranghoch oder rangniedrig
Wenn über Rangordnung in einer Pferdeherde gesprochen wird, fallen schnell Begriffe wie „ranghoch“ oder „rangniedrig“. Damit lässt sich das soziale Leben einer Herde jedoch nur sehr vereinfacht beschreiben.
Pferde leben in einer Gemeinschaft aus unterschiedlichen Beziehungen, Freundschaften und bevorzugten Sozialpartnern. Die Rangordnung gehört zu diesem sozialen Gefüge – sie ist aber nur ein Teil davon.
Gerade in einer größeren Herde wird deutlich, wie vielfältig diese Beziehungen sein können.
Rangordnung ist Teil einer Gemeinschaft
Pferde, die dauerhaft miteinander leben, sind miteinander vertraut. Sie kennen ihre Sozialpartner und finden sich selbstverständlich innerhalb der Gemeinschaft zurecht.
Dabei sind die Beziehungen nicht zwischen allen Pferden gleich. Manche verbringen besonders viel Zeit miteinander, andere haben mehrere regelmäßige Sozialpartner. Innerhalb der gesamten Herde entstehen Freundschaften und kleinere Gruppen.
Die Stellung eines Pferdes innerhalb der Herde ergibt sich deshalb aus einem viel größeren sozialen Zusammenhang als aus einer einfachen Einteilung in „ranghoch“ oder „rangniedrig“.
Eine größere Herde bietet viele soziale Möglichkeiten
In unserem Bewegungsstall leben rund 30 Wallache und Stuten unterschiedlichen Alters gemeinsam in einer Herde.
Diese Größe ermöglicht eine große Vielfalt an sozialen Beziehungen. Jedes Pferd findet innerhalb der Gemeinschaft die Sozialpartner, die zu ihm passen, und entwickelt seinen eigenen Platz innerhalb des sozialen Gefüges.
Manche Pferde haben einen besonders engen Freund. Andere haben zu mehreren Pferden regelmäßigen Kontakt. Gleichzeitig bilden sich innerhalb der großen Gemeinschaft immer wieder kleinere Gruppen.
Mehr über diese Vielfalt erklären wir auf unserer Wissensseite „Herdengröße und Sozialverhalten – warum Vielfalt eine Rolle spielt“.
Rangordnung ist dabei eine Ebene dieses Zusammenlebens – eingebettet in viele unterschiedliche Beziehungen.
Orientierung ist nicht dasselbe wie Rang
Zum Herdenleben gehört auch, dass Pferde sich aneinander orientieren.
Welches Pferd dabei in einer bestimmten Situation Orientierung gibt, muss nicht allein von seiner Stellung innerhalb der Rangordnung abhängen. Innerhalb einer Gemeinschaft können unterschiedliche Pferde unterschiedliche Rollen einnehmen.
Bei uns gibt es beispielsweise eine Stute, die wir als Leitstute bezeichnen. Damit meinen wir nicht einfach ein Pferd, das innerhalb der Herde „ganz oben“ steht. Wir erleben vielmehr, dass sich die anderen Pferde in bestimmten Situationen besonders deutlich an ihrem Verhalten orientieren.
Was wir jedes Jahr an Silvester beobachten
Ein besonders anschauliches Beispiel erleben wir jedes Jahr in der Silvesternacht.
Wenn um Mitternacht die Raketen aufsteigen, ziehen vor allem die Lichtblitze die Aufmerksamkeit der Pferde auf sich. Unsere Leitstute geht dann nach vorne und schaut sich die Situation an.
Anschließend wendet sie sich wieder ihrer normalen Beschäftigung zu und frisst beispielsweise weiter.
Die anderen Pferde nehmen ihr Verhalten wahr und orientieren sich daran. Die Herde bleibt ruhig und setzt ihren gewohnten Alltag fort.
Jahr für Jahr können wir dieses Verhalten beobachten.
Für uns zeigt diese Situation sehr schön, wie selbstverständlich Orientierung innerhalb einer vertrauten Gemeinschaft funktionieren kann.
Jedes Pferd findet seinen Platz
Unsere rund 30 Pferde leben nicht einfach als eine große Gruppe zusammen. Aus ihren vielen Beziehungen entsteht eine Gemeinschaft mit Freundschaften, bevorzugten Sozialpartnern und kleineren sozialen Gruppen.
Auch der Lebensraum trägt dazu bei. Unsere Anlage bietet den Pferden ausreichend Raum und unterschiedliche Aufenthaltsbereiche, sodass sie ihre sozialen Beziehungen innerhalb der Herde selbst gestalten können.
So findet jedes Pferd seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft und kann sein natürliches Sozialverhalten im täglichen Zusammenleben mit anderen Pferden ausleben.
Viel mehr als ranghoch oder rangniedrig
Rangordnung gehört zum Sozialleben von Pferden. Eine Pferdeherde wird aber durch sehr viel mehr geprägt.
Freundschaften, bevorzugte Sozialpartner, kleinere Gruppen und die Orientierung an anderen Pferden machen aus einzelnen Tieren eine vertraute Gemeinschaft.
Unsere rund 30 Pferde bilden deshalb nicht einfach eine Rangfolge. Sie bilden ein vielfältiges soziales Gefüge, in dem jedes Pferd seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft findet.
Genau diese Vielfalt gehört für uns zu den großen Stärken des Herdenlebens.